An einem weiteren Beispiel wird der Einfluss der Wärmespeicherfähigkeit auf die sommerliche thermische Behaglichkeit demonstriert und der erreichte Komfort bewertet. Es handelt sich um ein Einfamilienhaus mit zehn Räumen, welches für zwei Bauarten (schwer: KS-Mauerwerk, Betondecken für Kellerdecke und Geschossdecke, Steildach und Kehlbalkenlage in Holzkonstruktion; leicht: Holzbau, Holzbalkendecken als Kellerdecke und Geschossdecke, Steildach und Kehlbalkenlage in Holzkonstruktion) mittels dynamischer Gebäudesimulation verglichen wird. Parameter und Nutzungsrandbedingungen entsprechen wie oben denen der DIN 4108-2 bzw. der DIN V 18599, Standort (Klimadatei) ist Potsdam. Das Gebäude hat ein aktuelles energetisches Niveau entsprechend dem GEG bzw. dem EH55-Standard.
Die schwere Bauart wirkt sich deutlich positiv aus: Die Übertemperaturgradstunden bleiben bei schwerer Ausführung signifikant niedriger, generell unter $200\,\mathrm{Kh/a}$, in vielen der Räume treten gar keine Übertemperaturgradstunden auf. Die Werte bei leichter Bauart liegen, bei ansonsten gleichen Bedingungen, durchweg höher. Im ungünstigsten Aufenthaltsraum überschreitet der Wert mit gut $1.800\,\mathrm{Kh/a}$ den zulässigen Grenzwert $1.200\,\mathrm{Kh/a}$ der Norm deutlich; thermischer Komfort ist im Sommer hier nicht mehr gegeben.
Die Spitzentemperatur liegt im Falle der schweren Bauart in allen Räumen im Bereich zwischen $24\,^{\circ}\mathrm{C}$ und $28\,^{\circ}\mathrm{C}$. Für das Gebäude in leichter Bauart liegen die Spitzentemperaturen deutlich höher, und erreichen im wärmesten Raum unangenehme $36\,^{\circ}\mathrm{C}$.
Individuelle Komfortbewertung nach DIN 4108-2 Anhang B bzw. nach DIN EN 16798-1Um den sommerlichen Wärmeschutz in einem Gebäude über die Mindestanforderungen der DIN 4108-2 hinaus zu bewerten, verweist ein neuer Anhang B der DIN 4108-2 [4] auf die Komfortbewertung auf Stundenbasis gemäß DIN EN 16798-1 [2]. Diese erlaubt die realitätsnahe Einschätzung und Bewertung des sommerlichen Wärmeverhaltens bei individuellen Gegebenheiten. Dafür definiert DIN EN 16798-1 in ihrem Anhang B drei verschiedene Komfortklassen I, II und III für die empfundene Raumtemperatur (operative Raumtemperatur), abhängig vom gleitenden Mittelwert der Außentemperatur (Tafel 10). In den gleitenden Mittelwert der Außentemperatur gehen die Außentemperaturen der letzten 7 Tage ein, wobei der gestrige Tag die höchste Gewichtung hat und die Gewichtung abnimmt, je weiter der Tag zurückliegt. Dies bildet die physiologische Gewöhnung an die Außentemperaturen der letzten Tage ab. Dieser gleitende Mittelwert der Außentemperatur ist damit die Komforttemperatur für diesen Tag, inklusive der Gewöhnung an die jeweiligen Außentemperaturen der Tage vorher, und ist im Diagramm als gestrichelte Linie erkennbar (Bild 10). Die Komfortklassen stellen einen gewissen Komfortbereich der Raumtemperatur dar, wobei die beste Komfortklasse I mit „sehr hohem Komfort“ einen schmalen Schwankungsbereich um die Komforttemperatur herum beinhaltet, die Komfortklasse II mit „hohem Komfort“ einen etwas größeren Schwankungsbereich, und die schlechteste Komfortklasse III mit „akzeptablem Komfort“ den größten Abstand zur Komforttemperatur zulässt. Die Bereichsgrenzen der Komfortklassen sind im Diagramm durch gerade Linien dargestellt. Eine Komfortklasse gilt als eingehalten, wenn die Raumtemperatur „nur unerheblich“ außerhalb der Grenzen der Komfortklasse liegt. Was hier mit unerheblich gemeint ist, ist nicht eindeutig definiert. Üblicherweise wird eine Überschreitung der Komfortgrenzen in etwa $2\,\%$ bis $5\,\%$ der Aufenthaltszeit als unerheblich angesehen.
Die operativen Temperaturen aus der thermischen Gebäudesimulation sind für alle 10 Räume des Einfamilienhauses in Bild 10 als Punktwolken eingetragen, für schwere und leichte Bauart und jeweils mit erhöhter Nachtlüftung.
Dieser Vergleich zeigt anschaulich, dass bei schwerer Bauart ein überdurchschnittlicher Komfort gemäß der Komfortklasse Kategorie I durchgehend gegeben ist, während bei leichter Bauart unter gleichen Randbedingungen die Komfortgrenzen auch der Kategorie II und der Kategorie III im Sommer häufig überschritten werden.